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Kapitel 3/ Full Remote

Ich habe in meinem Kalender eine Stunde für die Paartherapie mit Dr. Windheim geblockt. Feuerrot und bedrohlich sieht das auf Outlook aus. „Privater Termin“, am Mittwoch von 15 bis 16 Uhr.
„Privater Termin?“, fragt mich dann auch gleich Stephan im kurzen Morgen-Meeting, dass wir seit neuesten jeden zweiten Tag um 8 Uhr haben, um die aktuelle Planung durchzugehen.
„Einfach ein Arztding.“
„Vorsorgeuntersuchung Prostata? Du bist in dem Alter, mein Freund. Du musst gut auf dich aufpassen. Es geht schnell in Richtung Rollator.“
„Was haben wir gelacht, Stephan.“
Das ist nicht gut, dass Stephan mein Alter jetzt ständig thematisiert. Auch dieses neue morgendliche Meeting macht mich nervös. Warum muss ich mit irgendjemanden die verdammte Tagesplanung durchgehen? Will Stephan mich enger monitoren? Hat er kein Vertrauen mehr in meine Magie?
Die Sache ist die: Die superwichtige Series B – unsere Mega-Geldeinsammel-Runde – läuft nicht superrund. Ok, das ist die Untertreibung des Jahres. Bisher hat sich kein Investor für unsere Sache erwärmen können. Weder Softbank noch Sequoia oder der armselige High-Tech-Gründerfond – niemand scheint sich im Moment für Algorithmen zu interessieren. Nachhaltigkeit und Female Empowerment sind die relevanten Themen. Künstliche Intelligenz war auf dem Hypecycle vor etwa zwei Jahren groß. Jetzt aber schwingt unsere Trendkurve gefährlich abwärts. So läuft das eben im Tech-Geschäft. Vor ein paar Jahren hat noch jeder gedacht, dass uns bald superintelligente Roboter auf Händen tragen oder uns künstliche Haustiere angrinsen, wenn wir gestresst nach Hause kommen. Willkommen bei Star Trek. In der Realität kämpfen wir jedoch immer noch täglich mit der dämlichen Sprachsteuerung unserer Alexa. Sieht nicht so wirklich intelligent aus. Also krachen die Erwartungen runter. Das ist gefährlich – und wir müssen den Trend jetzt entgegensteuern. Schließlich verbrennt unser Start-up hier jeden Monat grundsolide 5 bis 6 Millionen Euro. Der Druck ist also da. Und er lastet vor allem auf Stephan, der für die Finanzierungsrunde verantwortlich ist.
„Wie kriegen wir jetzt die Kurve?“ fragt er dann auch folgerichtig in unserem Call. „Jede Idee ist willkommen.“
Im Hintergrund hört man Hundegebell und den schweren Atem von Stephan – er macht das Meeting als Walk&Talk. Das ist sein neues Ding. Seit er ständig für zwei bis drei Stunden durch die Gegend läuft, während er in Calls hängt, hat er schon drei Kilo abgenommen. Das betont er beiläufig, aber entschieden bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Also eigentlich immer.
Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung von Investment-Runden. Das ist wieder so ein Mega-Missverständnis. Nur weil der Konzern in der Vergangenheit tonnenweise das Geld von Investoren eingesammelt hat, heißt das nicht automatisch, dass ich maßgeblich daran beteiligt war. Ich bin der Marketingtyp, der sich gerne facettenreich über Pantone-Farben austauscht. Anyway: Meine kleine Einlage beim „Kickdown“ hat gezeigt, dass ich ganz gut bin, wenn ich improvisiere. Also lege ich einfach los.
„Ok, ok, Stephan. Hörst du mich? Kannst du mich verstehen? Ganz schön laut bei dir im Hintergrund.“
Im Call wechseln sich jetzt lautes Hundegebell und spitze Schreie von Kindern ab. Dazu Stephans schneller Atem. Vielleicht hat er jetzt angefangen zu laufen und Hunde jagen ihn in eine Kita hinein. So etwas in der Art.
„Fuckin Park hier in Berlin,“ ruft er schließlich in den Call. „Alles Pisser mit ihren Kampfkötern. Bin jetzt aber ganz Ohr.“
„Ah, ok, Thema 1: wir sind Full Remote als Firma. Also ist unser CO2-Footprint deutlich geringer, als das bei Siemens oder BMW der Fall ist. Ich meine, er ist gar nicht vorhanden unser Footprint. Bis auf die Lade-Energie unserer Notebooks und Smartphones.“
„Ist Bullshit, Torben. Das nimmt uns niemand ab.“
„Ok, dann trimmen wir den Algorithmus so um, dass er Aktien-Investments nach den Nachhaltigkeitswert gewichtet. Keine Waffen, keine Pornos, keine Atomkraftwerke, keine fossilen Brennstoffe. Stattdessen: Solar, veganer Fleischersatz und…“
„Female Founders,“ ruft Stephan jetzt etwas stärker begeistert. „Wenn du menstruierst und die Meeresschildkröten pamperst – Bingo. Du bist die Top-Aktie in unserem Portfolio.“
Ich bin mir nicht sicher, ob Stephan von „pampern“ redet oder eventuell auch „pimpern“ gemeint hat. Bei den ganzen Geräuschen im Hintergrund ist das schwierig zu verstehen. Das macht für die Kernidee keinen Unterschied. Es würde mich persönlich nur interessieren, wie weit von Mainstream sich Stephan dieser Tage wagt.
Und Stephan weiter: „Na ja, ok. Das ist zumindest ein Gedanke. Du lässt dir jetzt mal langsam den Finger vom Urologen einführen, um deine Prostata abzutasten und dann sprechen wir weiter.“
„Sounds like a plan.“

Den Finger vom Urologen einführen – das beschreibt meine Beziehung zu Produkten von Microsoft am besten. Alles komplizierte Fuckups – einschließlich natürlich Skype, das 2011 von Microsoft aufgekauft worden ist. Denn unser heiß geliebter Monsterkonzern aus Redmond/USA hat sich zur Lebensaufgabe gemacht, mir mein berufliches Dasein durch die Einführung einer komplizierten Password-Routine deutlich zu erschweren. Jetzt stelle ich also drei Minuten vor dem Call mit dem Paartherapeuten fest, dass ich das Passwort für Skype, das gleichzeitig für die gesamte Microsoft-Welt gilt, wieder einmal vergessen habe. Ich kann mich nicht auf Skype einloggen und auch nicht auf Microsoft.com. Im Gegenteil: Nach drei vergeblichen Versuchen schlägt das Imperium zurück und empfiehlt mir das Call-Center anzurufen und meine Seriennummer bereit zu halten. Es ist mittlerweile fünf Minuten nach 15 Uhr. Erst jetzt erinnere ich mich daran, dass ich einmal in einem Anfall von Wahnsinn alle relevanten Codes und Zugänge in einem Programm namens 1Passwort eingegeben habe. Ich muss mich nur noch an das Masterpassword für diese App erinnern. Es ist sieben Minuten nach 15 Uhr, als ich schließlich 1Passwort öffnen kann, weil ich mir den Zugang dazu in einem Word-File abgespeichert habe. Ganz alte Schule. Jetzt also das Microsoft-Password raussuchen, Skype öffnen und um 10 Minuten nach 15 Uhr bin ich so etwas von Ready to Rumble. Mit Zoom wäre ich auf die Sekunde pünktlich gewesen.

Nachdem Skype dann unfassbar lange braucht, um mich im Meeting anzumelden, materialisiert sich schließlich Dr. Windheim auf meinen Screen. Ein Mann, dessen beste Jahre bereits Dekaden zurück liegen, in einem schlichten Stuhl vor einem mit offenbar selbst gemachten Ton-Figurinen vollgestellten Sideboard. Leider erkenne ich keine Details, weil der Therapeut offenbar einen Laptop aus den frühen Neunzigerjahren mit der entsprechenden Webcam benutzt. Dr. Windheim steckt in einem Nebel aus Polygonen und Artefakten fest.
„Herr Jacobsen,“ leitet der Arzt nun das Gespräch ein. „Ich muss ihnen leider mitteilen, dass ihre Frau unser Gespräch schon verlassen hat. Sie war jetzt nicht wirklich begeistert über ihr Zeitmanagement. Wenn ich das so sagen darf.“
„Sorry, sorry zunächst. Aber ich hatte technische Herausforderungen mit Skype. Einem Programm der Microsoft-Familie, die, wenn ich das als Fachmann der Digital-Branche anmerken darf, in den wenigsten Fällen für Ad Hoc-Anwendungen geeignet sind.“
„Herr Jacobsen…“
„Nein, ich möchte das noch loswerden, bevor wir starten. Sorry. Aber es gibt bessere und weit stärker verbreitete Lösungen für Online-Calls heute. Zoom zum Beispiel. Nutze ich mehrfach jeden Tag.“
„Herr Jacobsen, noch niemand hatte in den letzten vier Jahren therapeutischer Praxis mit Online-Unterstützung große Probleme. Daraus schließe ich: Skype ist ein solides Programm.“
Ich verkneife mir jetzt die Bemerkung, dass man Programme heute eher Applikationen nennt und sprudle los, als wäre ich der verdammte Director of Sales von Zoom in San Jose: „Nun, bei Skype gibt es zunächst einmal den Account-Zwang. Kein Microsoft-Password – keine Party. Und dann ist die Integration in Outlook und andere Kalender-Apps nur eingeschränkt möglich. Das sind so die ersten Dinge, die mir zu den Nachteilen von Skype durch den Sinn kommen.“
„Interessant. Was kommt Ihnen denn durch den Sinn, wenn sie an ihre Ehe denken? Nur weil wir schon mal gemeinsam hier sind, hier auf Skype.“
„Ja, ok, wir sind auf Skype, Dr. Windheim. Aber ich könnte ihnen jetzt hier im Chat den Link zu meinen persönlichen Zoom-Raum zukommen lassen und dann setzen wir das Gespräch dort weiter fort.“
„Nein, ich sehe keine Notwendigkeit dafür.“
„Ok, ich mache auch Teams. Ist zwar auch Microsoft aber deutlich stärker nutzerorientiert.“
„Ihre Ehe, Herr Jacobsen – wir wollen doch in den letzten 15 Minuten dieser Sitzung auch noch über Ihre Ehe sprechen.“
Meine Ehe. Mein Gott. Was weiß denn dieser Paartherapie-Greis schon von meiner Ehe? Von der Reinheit dieser Verbindung? Ich hatte meine Frau im gleichen Jahr kennengelernt, als ich im Konzern anfing. Jetzt läuft alles für dich in eine gute, neue Richtung, habe ich gedacht. Nach all den Jahren als Freiberufler, den ständigen Stress mit dem Finanzamt und den endlosen Warten auf den Zahlungseingang meiner Kunden – endlich fest angestellt mit einer Mission. Make german tech brillant again. Dazu meine Frau. Ich hätte nie gedacht, dass sich eine so intelligente und wunderschöne Frau etwas aus mir macht. Ich hatte das alles nicht verdient. So würde mein Leben nun ablaufen: Ich war abgebogen aus der Welt in sich verschlungener Kreuzpfade und auf einem Weg mit einer klaren Richtung angekommen. Endlich.
Leider muss ich jedoch sagen: Das Thema ist nicht, dass ich schicksalhaft Kreuzpfaden folge, das Problem ist, das mein Kopf eine Kreuzpfad-Maschine ist. Ich sehe in jeder möglichen Abzweigung neue Optionen. Ich will keinen klaren Weg gehen. Ich will nicht zusammen alt werden. Ich bin „Plus Ultra“ und meine Frau ist pures Hier und Jetzt. Im Kern meiner Selbst wüten die Selbstzweifel – wie Lava kochend heiß in einem Vulkankrater. Aber über der rasenden Oberfläche dieser Skepsis ruht die Überzeugung ein gerechter Krieger auf einer wahren Mission zu sein. Immer weiter. Schritt 1: Ich muss Stephan besiegen, um die Kontrolle über das Start-up zu erlangen. Ich kann nicht ewig ein Marketing-Fuzzi bleiben, mein Leben lang. Es muss jetzt Bang, Bang, Bang nach vorne gehen. Schritt 2: Ich muss wieder anfangen zu ficken. Jetzt nicht meine Frau. Ich habe keine Lust auf Replay – es ist Zeit für das Reset. Ich muss jemanden treffen, der mich weiterbringt. Sie ist vielleicht Head of Legal Global bei Accenture und ich bin Managing Director. Wir machen wilde Liebe und gehen danach gemeinsam ins Gym um unsere Körper schweigend beim Kreuzheben zu stählen. Ich trage einen Airpod Max – sie nutzt einen Bose Kopfhörer mit aktivierten Noise Cancelling. Sie stürmt durch Bücher mit Blinkist, kauft Mode auf Farfetch und ist immer in Bewegung. Ich schreibe ihr aus dem Hotelzimmer oder sende meine Bordkarten mit der Platzwahl A1 drauf über Whatsapp mit einem zwinkernden Emoticon. Nicht stehen bleiben. Jeden Tag in Bewegung. Rolex Air King. Eine Business-Uniform aus marineblauen Techmerino. Rimowa Off White. Senator Status. Sleepover im Kempinski Hotel am Flughafen München zwischen zwei Red Eye-Flügen. Schnell sein. Gewinnen. CEO werden. Es ist noch Zeit da. Aber sie ist nicht unendlich. Ich werde nächstes Jahr 50 Jahre alt. Es ist nicht OK so alt zu werden – aber: Jeder im Start-up denkt, dass ich 46 bin, weil ich beim Onboarding falsche Daten angegeben habe. Dennoch, die Zeit spielt gegen mich. Ich habe nichts mehr zu verschenken. Dieser Call hier bringt mich nicht weiter. Er kostet mich vielmehr wertvolle Minuten.
Also drehe ich etwas an der Kamera herum, die über meinen Monitor angebracht ist.
„Warten Sie mal kurz, Dr. Windheim! Irgendetwas stimmt mit der Technik nicht.“
Dann stelle ich das Mikrofon ab. Dr. Windheim versucht mit mir zu sprechen, aber ich deute fragend auf meine Ohren.
„Ich verstehe nichts.“
Dr. Windheim zuckt mit den Schultern und versucht seinerseits Einstellungen an seinen Computer vorzunehmen.
Dann schließe ich den Skype-Call.
Das Programm endet mit einem kleinen Fenster in Pop-up: „Wie bewerten Sie die Qualität dieses Skype Calls?“
Ich wähle null Sterne aus und schicke meine Review ab. Fuck off, Microsoft.

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Jörn Leogrande/2026