KEYNOTES – Deutsch

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Kapitel 2/ Full Remote

Das Einzige, was mir zu der halben Stunde Lunch-Zeit einfällt, die jeden Tag zwischen den Zoom-Calls bleibt, ist eine eigenwillige Salatvariation aus Kichererbsen, getrockneten Tomaten und Thunfisch in Olivenöl. Alles superpraktisch aus drei Konservendosen in einer großen Schüssel zusammengemischt. Klar, man könnte jetzt noch rote Zwiebeln in feine Würfel schneiden und etwas Feta dazugeben. Ist mir aber alles zu kompliziert. Am besten wäre es am Sonntag bereits alle Gerichte für die komplette Woche vorzubereiten und sauber eingetuppert im Kühlschrank zu lagern. So macht das der Großteil meines Teams. Aber ich krieg das nicht hin: das Überlegen, das Planen und den Großeinkauf am Samstag. Kein Meal-Prep für mich.


Während ich die Dose mit den Kichererbsen abtropfen lasse, sehe ich aus den Augenwinkeln, dass Marie mir eine WhatsApp-Message gesendet hat. Marie, meine einstige Doppelspitze in Marketing des Konzerns. Die Nemesis, wegen der ich meinen Job aufgegeben habe. Marketing-Marie, der Daten-Derwisch. Ich stelle die Kichererbsen ab, wische mir die Hände mit einem Küchentuch sauber und greife nach dem iPhone. Ich habe lange nichts mehr vom Konzern gehört. Ein sehr weiser Typ hat einmal gesagt, dass solche Riesenunternehmen im Grunde wie Schnellzüge sind. Du merkst die Geschwindigkeit erst, wenn du ausgestiegen bist. Und niemand blickt je zurück zu dir. Das passt ins Bild: Weder Marie noch ein anderer hochrangiger Mitarbeiter des Konzerns haben bisher mein LinkedIn-Profil aufgerufen und meinen neuen Jobtitel beim Start-up bewundert: Global Director Product Growth and Strategy.

Jetzt also Marie auf WhatsApp – ihre Nachricht lautet: „Zeit für einen schnellen Anruf die Tage? Gruß, Marie.“ Ok, nicht dem ersten Impuls nachgeben und zu schnell antworten. Liebe Marie, ich bin jetzt der super agile Start-up-Typ, der in einer ganz anderen Dimension von Geschwindigkeit unterwegs ist. Es gibt viele Baustellen, um die ich mich gleichzeitig kümmern muss. Zeitweise gehen über 200 Nachrichten an einzigem Tag bei mir ein. Bam, Bam, Bam. Das also ist der Plan: Ich genieße erst einmal in aller Ruhe meine in Olivenöl geschwenkte Lunch-Proteinbombe, nehme an ein oder zwei Meetings teil und antworte erst gegen Abend mit einem entspannten Statement. Doch dann ist meine Neugier stärker und ich schreibe Marie zurück: „Hi, ich habe jetzt 20 Minuten. Danach sieht es heute eher düster aus.“ Für einen Sekundenbruchteil bin ich davon überzeugt, dass diese Botschaft den nötigen Punch hat. Sie zeigt, wie beschäftigt und verplant ich bin und setzt einen gleichzeitig klaren zeitlichen Rahmen.

Doch schon wenige Sekunden danach ärgere ich mich über mich selbst. Mein Gott, 20 Minuten. Das klingt doch, als würde ich Druck aufbauen, als wäre ich über die Maßen an dem Gespräch interessiert. Vielleicht will sich Marie nur locker und ohne Zeitdruck austauschen. Marketinggiganten unter sich, große Ideen, kreative Strategien. Vielleicht geht es um eine Fachfrage, die nur ich mit meiner langjährigen Erfahrung lösen kann. Vielleicht ist Marie inzwischen so verzweifelt, dass sie mir eine Berater-Funktion anbietet. Wir könnten so einen Call in der Woche machen und ich würde sie im Konzern-Marketing coachen.
Das iPhone klingelt, ich hebe ab und Marie sagt: „Hi Torben, alles klar bei dir?“
„Alles klar, völlig OK.“
„Sorry, dass ich dich störe. Die Sache ist nur, dass mich die Personalabteilung wieder kontaktiert hat. Es geht um das Ladekabel für dein Konzern-Notebook.“
„Das Ladekabel für mein Konzern-Notebook?“, antworte ich einigermaßen verwirrt. „Ich habe das ganze Zeug doch an meinem letzten Tag im Konzern abgegeben. Notebook, Handy und Badge.“
„Ja, aber das Ladekabel war nicht dabei. Du hast im Fragebogen angegeben, dass du es vorbeibringst in den nächsten Tagen. Das ist jetzt fast zwei Monate her.“
„Marie, es ist ein USB-C Standardkabel.“
„Ja, aber ohne das Originalkabel kann das MacBook nicht weiterverkauft werden, verstehst du? Es ist unvollständig. So sind nun mal die Regeln hier. Das muss ich dir doch nicht erklären.“
„Klar, das Kabel.“
„Ja, das Kabel.“
„Ich bringe es vorbei – nächste Woche. Passt nächste Woche?“
„Hey Torben, sorry, ich krieg gerade einen anderen Anruf rein. Den muss ich annehmen. Ja, nächste Woche passt top. Bye-bye.“
„Wenn ich da bin, können wir ja einen Kaffee trinken oder so,“ sage ich noch. Aber Marie hat sich bereits aus dem Call ausgeklinkt.
Ich habe keine Ahnung, wo das verfickte Kabel rumliegt. Vielleicht kann ich bei eBay ein neues kaufen. Da fällt mir ein, dass der Konzern auf jedes Ausstattungsteil so einen kleinen QR-Code druckt, der eine Seriennummer beinhaltet.
Ein weiterer Anruf reißt mich aus meinen verzweifelten Überlegungen. Es ist Stephan, mein Boss. Dass er sich in der heiligen halben Stunde Lunchzeit bei mir meldet, ist höchst ungewöhnlich. Also nehme ich sofort ab.

„My man,“ sagt Stephan ohne jede Ironie in der Stimme. „Meine verdammte Marketingmaschine!“
Der Herr CEO hat in der letzten Zeit Gefallen daran gefunden, seinen ganz eigenen Getto-Slang zu perfektionieren. Als er noch Senior Business Strategy Analyst bei Accenture war, stand das mit Sicherheit nicht auf der Tagesordnung. Jetzt aber ist alles anders und sehr viel freier.
„Hey Stephan,“ antworte ich. „Cool, dass du anrufst. Ich habe gerade wieder mit dem Konzern gesprochen.“
„Sie lassen dich nicht von der Leine, oder? Es ist schwer für sie, dass du ihnen den Rücken gekehrt hast und jetzt ein Start-up-Ninja bist. Ein verdammter Killer bist du geworden, Torben. Das ist zu viel für sie.“
„Na ja. Es nervt schon, wenn sie dauernd anrufen und nach irgendwelchen Infos fragen. Aber ich werde klar immer supportive sein. Es geht um das Netzwerk, Stephan. Lass niemanden zurück, weißt du? Ninja-Weisheit Numero Uno.“
„Fuck yes, Alter. Du hast so etwas von Recht. Und jetzt rufe ich dich an, um deinen Konzernfreunden den Rest zu geben. Du kennst doch dieses Monster-Techevent „The Kickdown“ – in drei Wochen in Köln. Du wirst auf der Hauptbühne stehen. Deine Keynote zur besten Sendezeit vor 5.000 Zuschauern im Publikum. Die große Bühne, Torben. Und das Großartigste ist: Ich komme auch vorbei. Party-Time – Tatatata.“

Ok, das Ding mit Keynotes ist: Ich habe schlicht und ergreifend noch nie eine Rede auf der Bühne gegeben. Nicht vor 10 Zuschauern und auch nicht vor 5.000. Nicht in Köln und auch nicht anderswo.
Es gibt Leute, die leiden unter Flugangst. Andere fürchten sich vor der Höhe. Und ich habe Panik, wenn ich an öffentliche Reden denke. Jedem das Seine.
In der Vergangenheit, im Konzern, habe ich immer wieder Ausreden gefunden, um nicht auf der Bühne stehen zu müssen: Meine Arbeitsüberlastung etwa, Gender-Diversity, – die Zeit der alten weißen Männer ist vorbei – oder auch fehlendes Interesse an der Selbstdarstellung. Das hat über Jahre immer gut funktioniert. Deswegen versuche ich die gleiche Strategie jetzt im Gespräch mit Stephan.
„Ok, Stephan, wow. Was für eine Ehre. Der Kickdown. Aber ehrlich: Wäre es nicht wirklich besser, wenn eine coole junge Frau unser Unternehmen repräsentiert. Alte weiße Männer von den Bühnen fegen und so weiter …“
„Torben, mein Freund,“ antwortet Stephan und ich ahne in diesem Moment bereits, dass mein Plan dieses eine Mal nicht aufgehen wird. „Torben, wir haben in den letzten dreihundert Konferenzen junge Girls auf die Bühnen geschickt. Hosenanzüge, Turnschuhe, Leggins, Tattoos, Hochfrisuren, ausgestellte Röcke, Designer-Jeans – alles schon da gewesen. Mit Blick auf die Series B sollten wir jetzt einmal wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkehren. Die Investoren müssen verstehen, dass wir ein Unternehmen sind, dass sich ernsthaft neu aufstellt. Ach ja, eins noch. Das Thema deiner Keynote lautet: How data And Analytics Unleash Innovation & Transform Uncertainty. Ok?”
“Top-OK.”
“Du machst das, Tiger!”
Dann legt Stephan auf.

Ich sage das nächste Zoom-Meeting ab und bleibe sprachlos an meinen Schreibtisch sitzen. Ich habe so viele meiner Schwächen im Konzern verbergen können, weil ich die Abläufe kontrollierte und wusste, wie man Meinungen manipuliert. Das ist im Start-up nicht mehr möglich. Ich kann Stephan jetzt nicht von meiner Angst erzählen. Ich bin noch in der Probezeit, die weitere vier Monate dauert. Im Übrigen habe ich bei den Vorstellungsgesprächen mit Stephan des Öfteren durchklingen lassen, was für ein super-extrovertierter Charakter ich doch bin.
Nun also meine erste Keynote – vor 5.000 Menschen. Ich habe einmal ein Interview mit einem Rockstar gelesen, der gesagt hat, dass er bei Stadionkonzerten null aufgeregt ist. Denn er nimmt das Publikum nur als amorphe Masse wahr. Vielleicht funktioniert das auch bei meiner ersten Keynote.

Anna ist Coach für Kommunikationstrainings & Führungskultur und die fleischgewordene gute Laune. Ihr ganzes Ding ist Lächeln und Strahlen. Fast unheimlich ist das.
„Deine Herausforderung ist also eine richtig gute Keynote hinzulegen, für deinen neuen Arbeitgeber,“ fasst Anna das Problem zusammen. „Du hast dieses Event in drei Wochen, und es geht los vor 5.000 Zuschauern und Live-Stream ins Netz. Das ist toll, Torben. Das ist wunderbar, dass du das machen darfst. Das ist eine echte Chance. Ich mache dich so bereit für die große Bühne, dass die Leute im Publikum denken werden, dass du dein Leben lang nichts anderes gemacht hast. Das ist mein Job. Und ich liebe es.“
Während dieser kleinen, improvisierten Rede blickt Anna mich die ganze Zeit an und legt ihre unfassbare Strahlkraft in jedes einzelne Wort „Und – Ich – liebe – es!“
„Ok?“ antworte ich etwas ratlos. „Und, wie machen wir jetzt weiter?“
„Wir schauen jetzt mal, was du draufhast. So läuft das bei mir. Kein langes Gerede, sondern einfach machen. Bist du bereit zu Ballern?“
„Ähm?“
„Jetzt mal laut und klar: Bist – du – bereit – zu – ballern, Torben?“
Breites Megalächeln und unterstützende Handbewegung dazu.
„Wir können es ja mal probieren.“
„Wir ballern – das ist der Spirit!“
Anna hat in ihrem unauffälligen Haus, das in einer Vorortstraße in Ottobrunn liegt, eine Art improvisierte Bühne in ihrem Wohnzimmer eingerichtet. Sie räumt noch schnell die Kinderspielsachen weg, die hier überall verstreut sind und baut eine Kamera auf einem Stativ auf. Jetzt bittet Sie mich, eine fiktive Rede zu halten, einfach aus dem Stegreif. Thema ist ihr egal.
Da stehe ich also in einem Wohnzimmer in Ottobrunn, blicke aus den Terrassenfenstern in den Garten, auf dem sich mehr Kinderspielzeug aus buntem Plastik stapelt und beginne über Daten zu reden, während Anna meine Darbietung filmt.
„Ähm, also Daten sind das zentrale Asset für jede neue – sagen wir mal – intelligente Anwendung. Also smarte Dinge, die nicht das machen, was du ihnen genau sagst, sondern sozusagen eigenständig agieren. Ja. Darüber hinaus gibt es noch das Social Profiling, das deine Likes, Klicks und sozial Interaktionen auswertet. Trainingsdaten für intelligente Vorhersagen…“
„Stehst du auf Pornos?“, fragt Anna jetzt völlig unvermittelt. „Come on!“
„Ich, ich, ich meine, da kann man ja jetzt nicht Nein sagen, dazu,“ antworte ich sichtlich verwirrt.
„Ok, ok“ sagt Anna und schickt ein Monstergrinsen hinterher. „Da ist echt sehr viel Gutes in der Art, wie du kommunizierst. Du bist klar und stehst gut im Raum. Aber du lässt dich sehr leicht ablenken – daher meine Frage nach den Pornos. An einigen Sachen würde ich also gerne noch geringfügig arbeiten.“
Dann gehen wir das Video meiner improvisierten Rede Sekunde für Sekunde gemeinsam durch. Anna findet zahllose Gelegenheiten für „geringfügige Verbesserungen“. Hier muss ich den Kopf heben, dort kunstvoll Pause machen, immer lächeln, die Hände kontrollieren, persönlicher werden, langsamer sprechen.
„Das läuft schon,“ erklärt Anna zum Schluss der Stunde. „Nach nur vier oder fünf Trainings rockst du jede Bühne.“
In meinem Kopf rattert eine antike Rechenmaschine: Das ganze Unternehmen hier wird mich wohl um die 3.000 Euro kosten. Egal.

So mache ich mich nach den Meetings im Homeoffice an vier Tagen in den kommenden zwei Wochen mit der S-Bahn nach Ottobrunn auf. Ich arbeite mich mit Anna durch die Themenfelder Körperspannung, Stimmvolumen, Gestik und Pausen. Aber ich komme nicht zum Punkt. Ich kann Anna nicht sagen, dass ich trotz der ganzen Super-Tipps auf der Bühne des Kickdowns eine Panikattacke erleiden werde, in dessen Verlauf ich eine Herzattacke bekomme. Ich werde sterben und das Video geht live raus auf YouTube. Erst in unserer letzten Stunde offenbare ich mich.
„Ok, du hast also das Problem, dass du denkst, das du auf der Bühne bei einer öffentlichen Rede ersticken wirst, Torben? Ist es das, was du mir sagen willst?“
Ich nicke.
„Das ist natürlich schon ein Problem, lieber Torben. Vielleicht hätten wir das gleich zu Anfang thematisieren sollen. Aber ich denke auch: Besser spät als nie. Erzähl mal…“
Und endlich rede ich über den Ursprung meiner Angst. Es geht um eine Kleinigkeit, eigentlich nur. Es ist lächerlich. Aber die Angst frisst Kleinigkeiten. Und macht sie immer größer über Jahre. Bis sie schließlich riesig in deinen Kopf stehen und unüberwindlich scheinen.
Vor vielen Jahren hielt ich einmal eine kurze Präsentation vor einer Gruppe von Kollegen. So etwas hatte mir bis dahin nichts ausgemacht. Im Gegenteil: Ich war der lässige Typ, der mehr oder weniger unvorbereitet daherkommt und mit seinem weitgehend improvisiertem Gelaber die Herzen aller Zuhörer gewinnt. Ich erinnere mich, dass mir eine Mitarbeiterin in der Runde sehr gut gefiel und ich sie beeindrucken wollte. Ich weiß noch, dass ich schwarze Turnschuhe von Chucks trug an diesem Tag zu gemusterten Socken von Burberry und einen Kaffee ohne Zucker getrunken hatte. So etwas mache ich normalerweise nie. Es ist alles sofort wieder da.
Ich begann also zu reden. Ich stand auf dazu, weil es mir cooler vorkam. Dann begann ich einen Satz. Einen einzigen verdammten Satz. Einen normalen Satz – ohne jede Bedeutung. Und mittendrin blieb mir die Luft weg. Einfach so. Ich versuchte zu schlucken. Es ging nicht. Ich fasste mir hilfesuchend an den Hals und brachte kein Wort heraus. Die Kollegen im Raum sahen sich ratlos an. Das junge Mädchen, das ich beeindrucken wollte, fasst sich als Erste, sie sprang zu mir und fragte, ob ich Hilfe brauchte. Sie reichte mir ein Glas. Ich versuchte einen Schluck Wasser zu trinken und hatte weiter das Gefühl, nicht genug Sauerstoff zu bekommen. Irgendetwas war falsch gelaufen an der ansonsten unbewussten Art zu atmen. Ich setzte mich. Alle Farbe war aus meinem Gesicht gewichen. Jetzt schlug jemand mir auf meine Wange. „Torben, Torben, was ist los mit dir?“ Der Schmerz war wie ein Signal. Als würde ich nach einem ausgiebigen Tauchgang zur Oberfläche des Meeres zurückkehren, atmete ich ein, lang und tief, als würde ich alle Luft der Welt in meine Lungen pressen wollen.
Das alles dauerte nur Bruchteile von Momenten. Aber diese Sekunden fahren in meinem Kopf seitdem als Spielfilm in Dolby Surround ab, wann immer ich öffentlich sprechen muss. Ich werde keine Luft bekommen und nicht mehr schlucken können. Jemand wird zu mir kommen und ein Glas Wasser bringen müssen. Ich werde ohnmächtig. Wahrscheinlich sterbe ich auch. Wie lange kann man ohne zu Atmen überleben? Vielleicht zwei Minuten? Ich bin nicht gut trainiert im Luftanhalten. Es bleibt nicht viel Zeit.
Jeder hat eine Angst, der er möglichst weiträumig ausweicht. Jeder sehnt sich nach Sicherheit. Jeder fürchtet Konfrontation. Ich bin jetzt auf dem Weg in meine Angst. Ich kann spüren, wie sich das Gefühl der Beklemmung an mich heranschleicht. Wir sind uns lange aus dem Weg gegangen, wir beide. Jetzt machen wir gemeinsam Kickdown.
„Wir müssen den Kreislauf brechen,“ sagt Anna schließlich nach einer langen Pause. „Den Kreislauf der Angst. Die Abfolge der Dinge. Also viele erfahrene Sänger und auch Redner kennen das Problem, dass sie einen ausgetrockneten Mund haben und das Gefühl, nicht Schlucken zu können immer stärker wird.“
„Ok, und dann?“
„Sie haben so ein kleines Kirschbonbon in der Backentasche in ihrem Mund. Das sorgt dafür, dass der Speichelfluss funktioniert. Sie alle schwören auf Grethers Blackcurrant Silber – das ist so ein Schweizer Produkt. Gibt es seit 100 Jahren. Dazu kannst du noch Gelovoice Tabletten nehmen, die befeuchten die Schleimhäute wirklich sehr lange. So brichst du den Kreislauf der Angst. Glaub mir.“
„Ich nehme also Kirschbonbons und werde auf der Bühne nicht im Zuge einer Panikattacke sterben?“
„So darfst du nicht denken, Torben,“ jetzt stürzt sich Anna regelrecht auf mich und streichelt voll emphatisch mein Gesicht. „Du – wirst – nicht – sterben. Niemand stirbt. Nicht auf dem Kickdown – nicht bei einem anderen Event.“
Ich überweise Anna eine Stunde später 2.500 Euro per PayPal und bestelle bei Amazon eine Jahrespackung Grethers Wunderbonbons und Gelovoice Schmelztabletten.

Die Fahrt zur Kickdown-Konferenz nach Köln ist für mich eine Herausforderung. Ich bin für das Start-up noch nie gereist. Beim Konzern waren die Verhältnisse klar. Man fliegt Lufthansa auf allen Wegen. Jetzt habe ich mich umweltschonend und kostensparend für den Zug entschieden. Ganz cool in der 1. Klasse. Ich würde in einem schwarzen Ledersitz sinken, meinen Laptop an der Steckdose laden, das kostenlose Wifi genießen und in aller Ruhe meine Präsentation vorbereiten – so habe ich mir das vorgestellt. Nur bin ich noch nie in meinem professionellen Leben Bahn gefahren. Man lernt nie aus.

Die erste Klasse im ICE 610, der mich zunächst von München nach Mannheim führt, ist komplett ausgebucht. Ich sitze also bei Weitem nicht allein in einem bequemen Ledersessel, sondern an einem Tisch – gemeinsam mit drei Mitreisenden, die einen überaus gesteigerten Kommunikationsbedarf haben. Das WLAN funktioniert nur in Bruchteilen von Minuten und der Zug hat von Beginn an Verspätung. Den Anschlusszug von Mannheim über Münster nach Köln werde ich nicht schaffen, mutmaßt der Schaffner und geht ungerührt weiter.
Immer wieder öffne ich das MacBook Air und gehe meine Präsentation für den Kickdown durch. Das Marketing-Team wollte für mich ursprünglich eine Keynote basteln, die nur aus großformatigen Bildern und starken Slogans besteht. Das sieht zwar supercool aus – aber ich brauche deutlich mehr Inhalte, die ich eventuell auf der Bühne ablesen kann. Es geht hier nicht mehr um Gewinnen. Es geht um pures Überleben.
Stephan hat mir gestern per WhatsApp eine Nachricht geschickt, dass er sich nicht ganz sicher ist, ob er es zur Keynote schafft. Er hat jedoch mit den Veranstaltern der Veranstaltung gesprochen und entsendet ein eigenes kleines Videoteam nach Köln.
„Willkommen im Showbusiness,” schreibt er im Messenger und schickt eine Reihe aufmunternde Emoticons hinterher. Ich lasse die 20igste Gelovoice-Halstablette an diesem Tag langsam in meinem Mund zergehen. Wahrscheinlich rinnt bereits weißer Schaum mit Kirschgeschmack aus meinen Mundwinkeln.
Ich komme um 13 Uhr in Mannheim an. Der Zug nach Köln ist bereits abgefahren. Das fängt gut an.

Das Speakerdinner des Kickdown-Events findet um 20 Uhr im Neni-Restaurant im achten Stock des Hotels The Circle statt, in dem die Speaker praktischerweise auch gleich untergebracht sind. Um kurz nach sieben Uhr habe ich das Hotel endlich erreicht, nachdem ich zwei Stunden in Mannheim auf meinen Anschlusszug gewartet habe. Meine Meinung zu Zugreisen hat sich dadurch etwas verdichtet.
Auf dem Hotelzimmer angekommen kann ich mich eine geschlagene halbe Stunde nicht entscheiden, was ich anziehen soll. Es ist schon verrückt: Den ganzen Tag hocke ich in der immer gleichen Jogginghose, die ich in den Farben Grau, Blau und Grün habe, und den entsprechenden Uniqlo T-Shirts vor meinem Bildschirm und der Kamera herum. Nun kann ich endlich mal all die coolen Sachen anziehen, die ansonsten ungenutzt in meinem Kleiderschrank lagern und jetzt fällt mir dazu überhaupt nichts ein. Ich meine, ich bin im Konzern früher jeden Tag einigermaßen angezogen in ein Büro gegangen. Ich trug Lederschuhe – in Braun und Schwarz. Das kommt mir heute schon etwas bizarr vor. Wie Ledergefängnisse an den Füßen. Ich trug auch Hosen mit Gürteln und Sakkos – wenn ich das jetzt anziehe, fühle ich mich unangenehm eingezwängt. Wofür hat Gott denn Tunnelzughosen entwickelt?
Ich entscheide mich schließlich für eine Art Jogginghose von Zegna aus Techmerino, die ich einmal in einem Anflug von Wahnsinn für 595 Euro gekauft habe, im Zusammenspiel mit einem Uniqlo-Airsm T-Shirt und einer Hemdjacke von Woolrich. Dazu trage ich blaue Sneaker von Hogan. Das ist alles superteuer, wenn man es zusammenrechnet. Aber es wirkt, als hätte ich schnell blind in den Kleiderschrank gegriffen und mir wirklich nicht viel Mühe gegeben. Genau auf diesen Eindruck kommt es mir an.

Das Neni in Köln sieht aus wie der Restaurant-gewordene Traum eines Instagram-Influencers. Jeder Stuhl eine Lichtreflexion in der Tiefenschärfe in rot, grün und orange, der Ausblick aus den Fenstern im achten Stock eine perfekte Perspektive über die Stadt mit dem Dom, jedes Essen eine perfekt angerichtete Food-Inszenierung auf Tellern aus grauem Ton, kombiniert mit reichlich Erdtönen und Koriandergrün.
Ich nehme ein Glas Champagner, das reizende Studentinnen in schwarzen Stretch-Miniröcken hier herumtragen, und stehe etwas verloren herum, während sich der Rest der Speaker in lockeren Gruppen formiert. Ich erkenne ein paar Gesichter: Dirk Ströer von der gleichnamigen Mediengruppe, Werner Vogels, der CTO von Amazon, Ex-Stuntman Jochen Schweizer. Plötzlich kommt eine junge Frau auf mich zu, die mit den ganzen Lanyards um den Hals einen eher professionellen Eindruck macht.
„Hi Torben, wir duzen uns doch? Oder?“
„Klar.“
„Hi Torben, ich bin Tabea – die Betreuerin für die Speaker morgen früh. Ich wollte mich nur kurz vorstellen und fragen, ob bei dir alles Ok ist?“
Tabea ist wahrscheinlich erst Anfang oder Mitte dreißig – aber wirkt deutlich älter. Ich würde vermuten, dass das Leben für Tabea lange Jahre eine einzige ausufernde Party war. Sie hat wahrscheinlich einen Sommer in Ibiza verbracht und sich für Monate in düsteren Raves in Berlin verloren. Doch die Auflösung, auf die Tabea die ganze Zeit gewartet, hat sich beim Tanzen und Feiern nicht eingestellt. Jetzt ist sie Junior Projekt Manager bei der Eventagentur, die den Zirkus hier veranstaltet. Sie isst nur Proteine, liebt ihren Spinning-Kurs und ist an einem Arm großflächig tätowiert.
Ich bin derweil bei meinem zweiten Champagner angekommen und habe das ungute Gefühl, das ich mich jemanden offenbaren muss.
„Die Sache, Tabea. Die Sache ist, dass ich furchtbare Angst habe. Ich meine vor morgen früh. Ich fürchte, dass ich auf der Bühne sterben werde.“
„Wir freuen uns so auf deine Präsentation, Torben, im Ernst,“ erwidert Tabea ungerührt. „Du bist der Höhepunkt des Vormittags. Dein Vortrag über Data Analytics – ich höre von allen, wie gespannt sie darauf sind.“
„Ich werde sterben, Tabea.“
„Das müssen wir wohl alle früher oder später, Torben. Ich hole dich morgen so um 10 Uhr in deinem Hotelzimmer ab und wir machen ein paar Atemübungen zusammen, OK? Ich habe immer eine App mit Meditationen auf meinem iPhone griffbereit. Jetzt muss ich aber wirklich weiter. Ich freue mich. Echt.“
Ich nehme noch ein Glas Champagner und stürze es mit einem Schluck herunter.

Dann bittet der Chefredakteur von Wired UK, deren Mediengruppe den Kickdown ausrichtet, uns zu Tisch. Alle eilen durch den Raum und suchen nach ihren Namenskarten. Große Aufregung. Ich sitze neben einem blonden Schweden und einer akkurat gelangweilten jungen Frau mit osteuropäischen Zügen. Greg aus London, der englische Chef der Wired, leitet seine launige Rede zum Auftakt dieses Dinners mit der Bemerkung ein, dass sich in diesem Raum die Speerspitze der deutschen Innovationsszene befindet und er hofft, dass die Köche alles richtig gemacht haben. Eine Lebensmittelvergiftung hätte Auswirkungen auf den DAX, erklärt Prince Charming und alle lachen.

Bei der Vorspeise – Lachstatar auf Brunnenkresse – erklärt der blonde Wikinger neben mir, dass er der Affiliate-König ist. Er sucht mit seinem Team ständig nach neuen Trends, bevorzugt aus Asien. Fidget Spinner oder koreanische Superkosmetik aus Schlangenhaut etwa. Erst testet er die Produkte auf einer Landingpage. Wenn die Conversion einsetzt, rollt er das Ding ganz groß aus. Dropshipping und Amazon-Warehouse, you know?
Der superdisruptive Schwede fragt mich, was ich denn so mache, und ich antworte, dass ich für das Start-up mit dem nächsten neuen Killer-Algorithmus arbeite. Data. The next big thing.
Der nordische Affiliate-Profi nickt und pflichtet mir bei: „Data is the new oil, my friend. The new fucking oil.“

Zur Hauptspeise gibt es Hähnchen-Shawrma, das über die Nacht in griechischem Joghurt manieriert wurde, und ich wende mich der osteuropäischen Schönheit mir gegenüber zu. Ich bin jetzt bei drei Gläsern Champagner und zwei großen Gläsern Weißwein angekommen und nehme allmählich Fahrt als Dinner-Entertainer auf. Die junge Frau ist tatsächlich die Kuratorin der privaten Kunstsammlung von Dirk Ströer. Der sammelt bevorzugt russische Expressionisten, mit denen er sich in Südafrika in seiner Villa am Lions Head in großflächiger Art und Weise erfreut. Ich liebe den russischen Expressionismus und bestelle noch ein Glas vom ausgezeichneten Grauburgunder.
Unsere kleinen Plaudereien könnten nun gerne noch gut geölt weiterlaufen. Aber das Management der Wired fand es eine großartige Idee, dass wir uns zum Nachtisch zum Networking alle noch mal umsetzen. Ich bin jetzt direkt neben Frank Thelen und schräg gegenüber von Valentin Stalf platziert, den langmähnigen CEO der Neobank N26.
„Frank, it is a pleasure,“ beginne ich launig die Kommunikation. „Ich mache in Daten, große, mächtige Algorithmen, die in ihrer ganzen Schönheit die Zukunft preisgeben.“
Thelen sieht sich kurz hilfesuchend um, muss aber erkennen, dass er aus dieser für ihn offenbar etwas unangenehmen Situation nicht so schnell herauskommt. Also steigt lieber in unser Gespräch ein.
„Klar, Software is eating the world, wie ich immer sage.”
“Genau,” antworte ich. “Und Daten sind das neue Öl.“
„AI, Artificial Intelligence. Waren wir schon bei Outbank dran. Vorhersagen von zukünftigen Verhalten. Was wird der Kunde als nächstes kaufen?“
„Come on, Frank,“ mischt sich jetzt Valentin Stalf von N26 in unser Gespräch ein. “Das ist alles kalter Kaffee und wird nie funktionieren. Ich sage nur DSGVO, komm mal klar, Alter.“
Das will Frank Thelen jetzt aber nicht auf sich sitzen lassen: “DSGVO betrifft personalisierte Daten. Ich rede von aggregierten Datenströmen. Das große Bild, verstehst du, Valentin. Aber ihr sollte vielleicht erst mal versuchen euer Kunden-Management sauber hinzubekommen.“
„Fuck, Frank. Du spielst dich immer so auf mit deiner Investoren-Nummer und machst auf den König der Löwen.“
„Die Höhle der Löwen,“ ergänze ich, um auch mal wieder etwas zuzufügen. „Er war in der Höhle der Löwen.“
Und jetzt steht Frank Thelen tatsächlich auf. Eine Ader an seinem Hals beginnt rot zu pulsieren. „Scheiß auf die ganzen Neobanks,“ schreit er jetzt doch etwas lauter. Die Menschen an den Nebentischen schauen interessiert auf.
Dann rauscht Frank Thelen ab – einfach so. Ich sehe Tabea, die dem deutschen Super-Investor konsterniert hinterher läuft.
„Na, und was machst du so,“ fragt Valentin Stalf mich plötzlich.
„Data, Smart data intelligence,“ antworte ich. “Das neue Öl für die Software, die die Welt auffrisst.“
„Alter,“ antwortet Valentin. „Du gibst aber ganz schön Gas.“
„Und ich hasse DSGVO, so aus tiefster Seele,“ sage ich leicht benommen und trinke den Grappa in meinem Glas in einem Zug herunter.
„Ok, ok, ich habe es ja schon verstanden.“
Damit endet unser brillantes Gespräch und auch der ganze Abend. Ich suche noch kurz die Menge ab nach der osteuropäischen Kunstkuratorin. Vielleicht geht ein Drink oder mehr. Dann gebe ich auf und wanke leicht benommen zurück in mein Hotelzimmer.

Es ist 9 Uhr am Morgen, als ich aufwache. Neben mir im Bett liegen noch zwei leere Fläschchen Jonny Walker Black Label aus der Minibar. Keine Ahnung, wie die da hingekommen sind. Mein Kopf fühlt sich jedenfalls an, als würde er in einem Schraubstock sitzen. In einer Stunde kommt Tabea und holt mich für meine Keynote ab. Und wenig später stehe ich auf der Bühne. Ich springe hektisch auf, räume das ganze Chaos auf und gehe erst einmal unter die Dusche. Ich beginne damit mich mit Gelovoice Schmelztabletten überzudosieren. Während ein heller weißlicher Schaum meine Zunge überzieht und meinen Mundraum flutet, halte ich noch mal die Keynote nur für mich. Solange keiner zuhört, läuft das ganz gut.
Ich hatte ursprünglich vor in Jeans, T-Shirt und New Balance-Sneakern auf die Bühne zu gehen. So ganz der Steve Jobs Gedächtnis-Look. Aber irgendwie haben mich die Leute auf dem Speaker-Dinner mit ihren eleganten Outfits leicht verwirrt. Also beschließe ich meine Kleidung von gestern Abend auszulüften und einfach heute wieder anzuziehen. Was soll der Kram? Merkt sowieso niemand.

Es ist Punkt 10 Uhr und Tabea klopft an der Tür zu meinem Hotelzimmer. Ich stecke mir die ungefähr zwanzigste Blackcurrant Pastille an diesem Morgen in den Mund. Ich kann spüren, wie mich ein Kirschduft umgibt wie eine mächtige Aura aus künstlichen Fruchtaromen. Bevor ich Tabea die Türe öffne, springe ich noch zur Minibar und greife nach zwei Fläschchen Wodka, die ich hektisch in die Innentasche meiner Jacke stecke. Nur für den Notfall. Ganz die alte Schule.
Ich öffne die Tür. Tabea trägt wieder drei Schlüsselbänder um den Hals. Sie kombiniert einen praktischen Hosenanzug mit einer Gürteltasche von Tumi. Dazu hat sie ein iPad-Mini in ihrer Hand.
„Mein Gott,“ sagt Tabea. „Du siehst ja richtig übel aus.“

Der Visagist ist ein korpulenter Schwuler in ausladenden Kombathosen und weißem Tanktop. Er ringt sich zu einer gehetzten Begrüßung durch und spricht kein weiteres Wort mehr. Neben den Spiegel hängt sein Zeitplan für den heutigen Abend. Wenn ich richtig zähle, hat der Mann heute noch 12 weitere Termine. Er versucht die Arbeit an meinem Gesicht und meinen Augenringen also so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Ein leichter Schweißgeruch mischt sich in seine ansonsten clever designte Gesamtausstrahlung. Ich möchte nicht der Zwölfte sein, der heute Abend von ihm geschminkt wird.

Der Gang zum Visagisten ist ein Geschenk, das mir Tabea gemacht hat. Eigentlich ist diese Vorzugsbehandlung nur für die echten Promis reserviert, sagt Tabea. Aber hey, ich gehöre ja fast schon dazu.

Es ist 10.30, als mein Herz beginnt zu rasen. Ich stehe hinter der Bühne des Kickdowns uns blicke in die Menge vor mir. Ein ganzer Saal voll junger Leute, keine amorphe Masse leider, sondern deutlich abgrenzbar. Ich renne zur Toilette und trinke die erste Flasche Wodka von der Minibar in einem Zug runter. Für einen Sekundenbruchteil spüre ich so etwas wie Erlösung. Dann setzt die Panik wieder ein. Netter Versuch, schreit mir meine Angst zu.

Ich gehe zu Tabea, die hinter der Bühne einige organisatorische Dinge regelt und erkläre, dass ich jetzt abreise.
„Ok, ich kann das einfach nicht,“ sage ich atemlos. „Ich bin noch nicht bereit, mein Leben zu riskieren. Für das hier. Für den Kickdown!“
„Torben, bitte. Der ganze Ablauf steht. Du bist gleich dran. Wir würden dich verkabeln. Natürlich gehst du nicht. Du bleibst hier. Bitte.“
Doch ich drehe mich um und gehe zum Ausgang zu. Tabea stürmt mir hinterher.
„Torben. Wir machen noch eine Atemübung. Wir schaffen das.“
„Ich kann es nicht, Tabea. Ich krieg es nicht hin.“
Jetzt wühlt Tabea hektisch in ihrer Gürteltasche herum, in der sie alle wichtigen organisatorischen Notfalldinge aufbewahrt. Sie fischt ein kleines Tütchen heraus, in dem sich eine einzelne Tablette befindet, die sie in zwei Hälften teilt.
„Das ist Tavor, Torben. Das ist nur für den absoluten Notfall. Der ultimative Panikkiller. Sollte man nie mit Alkohol kombinieren.“
Ich nehme die halbe Tablette und spüle sie mit der zweiten Flasche Wodka runter, die ich noch aus der Minibar habe.
„Oh mein Gott“, sagt Tabea. „Fuck. Du hast noch 20 Minuten jetzt.“

Die Tavor beginnt zusammen mit dem Alkohol sofort in meinem Gehirn zu arbeiten. Eine weiche Welle dämpft alle negativen Gedanken ab. Ich fühle mich, als würde ich auf Wolken laufen. Beinahe eine schwerelose Müdigkeit. Alles, was mich umgibt, ist weich und flauschig plötzlich. Das ist cool. Ein Mitarbeiter des Kickdowns legt mir ein Headset an. Das fühlt sich unheimlich gut an. Seine Hände an meinem Hals und überhaupt der ganze Typ.
„Passt das so?“ fragt der Mann, der eine wunderschöne dreiviertel Shorts von Engelbert Strauss und ein schwarzes Kickdown-T-Shirt dazu trägt.
„Es ist perfekt, einfach alles ist perfekt,“ antworte ich.

Tabea holt mich ab und bringt mich zum Aufgang zur Bühne.
„Du bist gleich dran,“ sagt sie. „Wie fühlst du dich?
„Top, wirklich, wirklich, wirklich top.“
„Oh, mein Gott, Torben. Ich hoffe wirklich, dass wir das alles hier überleben. Sie werden einen Song von den Rolling Stones spielen, wenn du auf die Bühne gehst. Start me up. Das kennst du ja. Die Musik geht aus und du bist dran. Ok für dich?“
„Lass die Musik noch etwas länger laufen,“ sage ich. „Ich habe echt Lust zu tanzen.“
„Bitte, Torben. Bitte. Bitte nicht tanzen.“
Die Musik setzt ein und ich betrete mit großen Schritten die Bühne. Ganz leicht und supereasy ist das. Die Rolling Stones haben Start me up in den siebziger Jahren geschrieben. Ich erinnere mich daran, einmal ein Musikvideo dazu gesehen zu haben, in dem Mick Jagger ganz lässig seine Mick-Jagger-Bewegungen macht. Das erscheint mir jetzt eine gute Idee zu sein. So beginne ich leichtfüßig auf der Bühne des Kickdowns nach links und rechts zu tänzeln. Das Publikum klatscht vereinzelt im Takt mit. Das Ganze läuft gut für mich. Um die Sache etwas anzuschieben, beginne ich im Rhythmus des Songs einen ganz eigenen Text zu skandieren.
„Data. Start me up. Data. Log me in.”
Die Leute in der ersten Reihe stehen auf, klatschen rhythmisch mit. Die meisten halten ihre Smartphones hoch. Ich streame live in LinkedIn und Instagram. Ist auch schon egal.
„Data. Start me up.“
Ich sehe aus den Augenwinkeln, wie Tabea am Rand der Bühne das Gesicht in ihren Händen vergräbt. Der Sound reißt mich mit.
„Data. Ihr seid die Datenkrieger,“ rufe ich ins Publikum – immer wilder tanzend. „Die Krieger, die die Paläste stürmen – das seid ihr. Die verdammten Data-Krieger. Sagt es: Data-Krieger. Ich bin ein Data-Krieger.“
Und tatsächlich beginnen die Leute im Publikum mir zu antworten. Erst leise, dann immer lauter. Bis schließlich der ganze Saal tobt.
„Data-Krieger!“
Ich denke an Marie und halte es für eine gute Idee, jetzt mal über den Konzern zu reden.
„Die Leute in den Großunternehmen, die denken nur an ihre Ladekabel. Aber nicht an die Data-Energie. Versteht ihr das? Löst die Ladekabel. Macht euch frei. Keine QR Codes mehr.“
Ich habe das Gefühl, dass die Sache jetzt richtig Spaß macht. Ich gebe den Tontechniker das Zeichen den Rolling Stones-Song noch etwas aufzudrehen.
„Ihr seid das neue Öl,“ rufe ich. „Es fließt durch eure Adern. Data-Öl, durch eure Körper. Tankt euch voll. Geht richtig ab. Krieg den Ladekabel-Palästen – Friede den Algorithmen.“
Ich gehe beschwingt von der Bühne ab. Hinter mir brandet Beifall auf. So etwas haben die Kids hier noch nie gesehen. Tabea nimmt mir mein Headset persönlich ab.
„Deine Karriere ist jetzt vorbei, Torben“, sagt sie. „Du bist so etwas von tot, das kannst du dir gar nicht vorstellen.“
Aber mein ganzes Empfinden ist auf ihre Hand konzentriert, die an meinem Hals versucht das Headset abzunehmen. Ich finde, es ist eine gute Zeit für etwas Intimität. Deswegen ziehe ich Tabea zu mir und küsse sie. Zu meinem eigenen Erstaunen öffnet sie den Mund und erwidert meinen Kuss. Völlig schwerelos fühlt es sich an, als ihre Zunge von mir Besitz nimmt.
Die Tontechniker, die um uns herumstehen, beginnen zu klatschen, als ich die Verantwortliche für die Gästebetreuung leidenschaftlich küsse. Dann reißt sich Tabea los und rennt wortlos weg. Das ist Ok. Meine Karriere ist vorbei heute, aber diesen Kuss und diesen Auftritt kann mir niemand nehmen. Ich schalte mein iPhone zurück aus dem Flugzeug-Modus. 83 neue Nachrichten sind auf WhatsApp angekommen – beinahe jede Sekunde ploppt eine neue Message hoch. Ich öffne die letzte Mitteilung von Stephan.
„DU BIST EIN VERDAMMTER ROCKSTAR,“ schreibt er. „Das Video von deiner Keynote hat jetzt schon über 17.000 Likes.“
Und auch Anna hat mir eine Nachricht gesendet: „Mensch, Torben. Kann ich das Video von deinem Auftritt mit meiner Website verlinken?“ Vielleicht ist meine Karriere doch noch nicht vorbei.

Ich sitze im Zug zurück nach München. Das Leder der 1. Klasse fühlt sich mit der Tavor im Blut jetzt deutlich geschmeidiger an. Ich bestelle ein Glas Grünen Veltiner. Es ist 12.15 und noch immer gehen pausenlos Nachrichten auf meinem Handy ein. Ich versuche das alles zu ignorieren und schließe die Augen und denke an den Kuss von Tabea zurück. Ich bin ein Kusskrieger. Ich habe einen Kuss geraubt. Ich habe es immer noch drauf.
Das Telefon klingelt und ich sehe, dass mich meine Frau anruft. Sicher will sie mir zu meinem Erfolg gratulieren.
„Hey,“ sage ich, als ich abgenommen habe. „Hey, Hey, Hey.“
„Torben, alles klar bei dir? Ich rufe nur an, um dich an unseren Termin morgen zu erinnern. Paartherapie bei Doktor Windheim. Über Skype um 15 Uhr. Du hast das doch auf den Schirm, oder.“
„Ähm, Skype, warum Skype? Wer macht denn heute noch Meetings auf Skype?“
„Wir sehen uns morgen um 15.30. Auf Skype!“
Dann legt sie auf.

Skype ist eine interessante Firma denke ich, lehne mich in meinem Sessel zurück und nehme einen großen Schluck vom österreichischen Weißwein. Eigentlich hatte das Unternehmen zu Beginn der Corona-Pandemie alle Karten in der Hand. Jeder hatte Skype installiert und schon Videocalls damit gemacht. Aber jetzt kommt Zoom wie aus dem Nichts und übernimmt die Online-Meetings komplett. Merkwürdig, wie klar ich das alles sehen kann. Vielleicht sollte ich darüber einmal eine Keynote halten. Ich öffne mein Notebook und starte eine Google-Suche. Wo kann man dieses Tavor eigentlich im Web ordern?

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Full Remote – Short Stories

Jörn Leogrande/2026