ZOOM – Deutsch

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Kapitel 1: Full Remote

Sechs Uhr dreißig am Morgen. Ich verbringe die erste halbe Stunde meines Tages damit im Bett die wichtigsten Newsseiten auf meinem iPad durchzuscrollen. Dann klicke ich mich noch in rasender Geschwindigkeit durch ein paar dutzend Reels auf Instagram. Das ist nicht gesund, sagen die Newsseiten und auch die Influencer, die die Reels machen. Es wäre besser, wenn ich erst einmal meditieren würde oder sehr langsam ein großes Glas lauwarmes Wasser mit frischen Zitronensaft und Ingwer trinken würde. Ok, ich habe es ja schon verstanden. 

Noch im Halbschlaf stehe ich auf und gehe in das Arbeitszimmer. Ich öffne das Macbook Air und klicke auf Zoom, um mein Erscheinungsbild für den noch jungen Tag zu kalibrieren. Ich wähle erst „Einstellungen“ und „Video“. Nach wenigen Sekundenbruchteilen zerlegt meine brandneue Webcam mich bildschirmfüllend in 1.920 mal 1.080 Pixel. Meine Haare sind noch vom Schlaf zerwühlt, mein Blick ist müde und mein Teint wirkt fahl und großporig. Also klicke ich auf „Mein Erscheinungsbild retuschieren“ und ziehe den Regler nach rechts auf Maximum. Meine Haut verwandelt sich augenblicklich in eine seidig-satte Fläche aus warmen Bronzetönen, mein Gesicht zeigt klar ausgeprägte Wangenlinien und meine Augen strahlen in azurblau. Ich wirke so hochauflösend digital und artifiziell – beinahe als würde ich direkt aus einem verdammten Avatar-Film springen. Das bin jetzt nicht mehr ich, denke ich als ich dieses seltsame Gesicht auf dem Monitor betrachte, dass meine Bewegungen in Echtzeit nachahmt. Gut so. 

Jetzt zünde ich die dritte Stufe meiner persönlichen Morgenroutine, öffne meinen Outlook-Kalender und gehe die  Zoom-Meetings für heute durch. Ich starte heute mit einem Call mit Matthei und Stephan und habe ein längeres Arbeitsmeeting mit dem gesamten Marketing-Team. Danach die übliche halbe Stunde Lunch und im Anschluss vier Agenturcalls in Reihe und als großes Finale noch ein Feedback-Gespräch zu meinem Onboarding mit der HR, das so bis 19 Uhr dauern dürfte. Guter Tag eigentlich. 

Zoom ist die Rache des digitalen Schicksal-Gottes für mich. Ich mag keine Bilder von mir und vermied bisher auch Videosequenzen. Lief eigentlich ganz gut. Jahrelang zog ich braune Lederschuhe an und Hemden unter einem Sakko und setzte mich in Meetingräume. Das ist jetzt vorbei. Wahrscheinlich endgültig. Ich werde täglich mit meiner eigenen Realität in Großaufnahme konfrontiert. Zoom – den ganzen Tag. Die Kamera auszuschalten ist keine Option – das ist der erste Punkt auf der Kommunikationsrichtlinie für Online-Meetings in diesem Startup. Erst danach geht es um Gender-Equality und diskriminierende Sprache. Es ist das Top, Top, Top-Thema. Kamera an! Immer.

Zwölf hintereinander folgende virtuelle Meetings an einem einzigen Tag sind bislang mein Rekord. 30 Minuten-Taktfrequenz – und am Abend zur Krönung noch eines dieser neuen Team-Get-Together mit Alkoholunterstützung, dass wir jetzt alle zwei Wochen am Mittwoch-Abend auf Zoom durchziehen. Wir zeigen uns voller Stolz die Etiketten unserer neuesten Riesling-Entdeckungen in die Web-Kamera und langweilen uns ansonsten zu Tode. Wir haben in den vergangenen Calls nur einmal kurz Spaß gehabt, als wir die digitalen Avatare entdeckt haben, die Zoom anbietet. Wir haben uns mit Hunde- und Katzengesichtern in allen Regenbogenfarben geschmückt und gegenseitig angebellt. Das war so eine gute halbe Stunde lang lustig. Wenn jemand heute einen digitalen Schnurrbart aus den Videofiltern von Zoom nutzt, wirkt das nur noch hilflos. Also hämmere ich bei den Abend-Zooms am Mittwoch pausenlos lustige Themen in die Runde und hoffe, dass jemand den Ball aufnimmt und wir wieder zehn Minuten rumbekommen. Gym-Fails, Insta-Reels, YouTube-Kram, Netflix-News. 

Nur manchmal öffnet bei den Mittwochs-Meetings jemand im alkoholseligen Überschwang seinen digitalen Hintergrund und zeigt uns für Sekunden choreografierte Wirklichkeit. Stephans Frau – eine superpatente, blonde Zahnärztin, die täglich Fitness macht und süchtig nach Meal Prep-Tipps auf TikTok ist – winkt in die Kamera und sagt, dass sie schon so viel Gutes über unser Team gehört hat. „Ich muss jetzt aber echt los,“ sagt Karin und lacht in die Kamera. „Die Kinder.“ Und dann schaltet Stephan wieder auf den weich gezeichneten Hintergrund um.

Unser Team. Ich kenne eigentlich niemanden aus unserem Team. Ich meine im klassischen Sinne: Ich habe nie jemanden die Hand gedrückt oder bin einem meiner Kollegen zufällig vor der Kaffeemaschine begegnet. Wir sind Full-Remote. Niemand geht in irgendein Büro und trifft jemanden. Stephan – der CEO dieses Start-ups und unser aller Boss – sitzt am Rande von Berlin, ich in München. Der Rest des Teams ist praktisch über ganz Europa verteilt: Barcelona, Gestadt, Porto, Stuttgart, Warschau.

Ich habe noch nicht einmal Stephan leibhaftig getroffen, obwohl er mich vor gut zwei Monaten eingestellt hat. Unsere zwei Vorstellungsgespräche fanden auf Zoom statt. Ist klar. Ich hatte noch einen kurzen Video-Austausch mit der HR-Chefin des Start-ups, die irgendwo in der Peripherie von Manchester sitzt. Im Anschluss erhielt ich meinen Vertrag per E-Mail und unterschrieb mit einer voreingestellten digitalen Signatur. 

Erst die Pflicht, dann die Kür: Nach der Unterschriftenzeremonie setzte ich auf LinkedIn einen super durchinszenierten Post über meine neue Herausforderung ab, an dem ich eine gute halbe Stunde gearbeitet hatte – I`m superexited and humbled to join – und bewunderte die schnellen „Congrats“-Kommentare, die für eine gute Stunde über mich hineinprasselten. „Gut gemacht!“, schrieb eine Person auf LinkedIn, deren Namen ich noch nie gehört hatte. „Den Start-ups und nicht den Konzernen gehört die Zukunft!“ Eine Woche später kam das MacBook Air per DHL bei mir an. Sie hatten auch eine Trinkflasche mit dem Firmenlogo beigelegt. Willkommen im Team.

Seitdem sitze ich in meinen neu eingerichteten Arbeitszimmer. Auf einem Bürostuhl von Ikea, der sehr entfernt an den Aluminiumchair von Charles & Ray Eames  erinnert, vor dem brandneuen, elektrisch höhenverstellbaren Sitz-Steh-Tisch, auf dem ein 27-Zoll-Curved Monitor thront. 

Alles Top nur mein Macbook Air nervt, weil es unter der Last der ständigen Videocalls und wahrscheinlich auch all meiner Filter nach nur wenigen Minuten laut hörbar der Lüfter hochdreht. Ich hasse dieses Geräusch. Wie ein Staubsauger, der meine Gedanken frisst. Also habe ich Bora, der von einer osteuropäischen Outpost aus die Technik für dieses Startups organisiert, eine superdevote Mail geschrieben und nachgefragt, ob ich nicht vielleicht eines dieser neuen MacBooks bekommen könnte, die keinen Lüfter mehr haben. 

Aber Bora hat seit zwei Tagen nicht auf meine Mail geantwortet – was ja irgendwie auch eine Antwort ist. Ich werde nicht weiter insistieren. Denn ich habe mich dazu entschieden, dass ich die sechs Monate meiner Probezeit bei diesem Start-up eine vollständig retuschierte Version meiner Selbst repräsentiere. Ich bin der humorbegabte, erfahrene Unterstützer-Typ mit dem bronzenen Teint. Ich eskaliere nicht. Ich denke lösungsorientiert und handle pragmatisch.

„Läuft Stephan!“

„Ich fasse das mal schnell in einem Google-Doc zusammen.“

„Kann mich mal jemand zum Host machen, ich präsentiere kurz ein paar konzeptionelle Gedanken.“

Jetzt also frisch geduscht der erste Zoom-Call mit Stephan und Matthei um acht Uhr dreißig. Matthei, der wahrscheinlich in Wirklichkeit Mathias heißt, gehört zu den supercoolsten Typen der deutschen Innovations-Szene. Eine lebende Legende entsprungen aus der Mitte Berlins. Redner auf tausenden Konferenzen und Workshops, Autor von Millionen LinkedIn-Posts, Vernetzungs-Monster mit 15.000 Followern. Matthei trägt bevorzugt von Künstlern bemalte Supersonder-Editionen legendärer Sneaker und kombiniert lässige Kimono-Jacken dazu. Keine Ahnung, wo man so etwas kauft. Bei Zalando gibt es das jedenfalls nicht.

Matthei ist ein alter Freund von Stephan und soll uns auf der Reise zur nächsten Finanzierungsrunde – der komplexen Series B – ein wenig disruptiven Feenstaub in die Augen streuen. 2.500 Euro ist der deutlich gemäßigte Tagessatz von Matthei. „Think outside the freakin Box“ – so nennt Stephan in Outlook diesen wöchentlichen Call.

Unser letztes Online-Meeting machte Matthei vom Sattel seines brandneuen Peloton-Fitnessbikes aus.

„Stimmt die Ton- und Bildquali?“ fragte er ganz nebenbei.

„Alles gut,“ und Daumen hoch in die Kamera antworteten Stephan und ich fast synchron.

Und Matthei weiter: „Probiere gerade einen kleinen Hack aus mit den Bike hier. You are gone see me sweat, boys.“

Das ist eine andere Liga als Stephan und ich mit unseren bescheuerten virtuellen Hintergründen auf Zoom. Der Sturm auf das Capitol oder lässige Loft-Atmosphären. Ganz nett, aber nicht wirklich konkurrenzfähig, wenn es um Matthei geht.

Um kurz vor halb acht an diesem Morgen beginne ich mich innerlich auf das Meeting mit Matthei und Stephan vorzubereiten. Das Problem ist, dass Matthei ein durchaus beeindruckender Labersack ist. Er redet ohne Punkt und Komma vom Ideation-Funnel und beschreibt wortreich transformative Klippen. Ich finde dagegen kaum Möglichkeiten mich in diesen Gedanken-Strom des Innovations-Gurus einzubringen. Das muss ich ändern. Sonst denkt Stephan noch, dass ich der Konzern-Typ bin, der im Prinzip immer langweilt. Das kann es nicht gewesen sein. Das ist nicht genug, um mich bei diesem Start-up behaupten zu können. 

Ok, in Momenten wie diesen verfluche ich meine Entscheidung das Dax-Unternehmen nach 15 Jahren zu verlassen, um mich einer neuen Herausforderung bei diesem Start-up zu stellen. In der Zentrale des Konzerns, in der Peripherie Münchens, in diesen Stahl und Glas-Bunker, gehörte ich zum verdammten Inventar. Als Marketingchef hatte ich die meisten Mitarbeiter überlebt und galt als unkündbar. Dann hatte der Vorstand beschlossen es im Marketing mit einer Doppelspitze zu versuchen. 

„Kein eskalativer Pfad,“ sagte der COO des Konzerns, als er mir seine Idee erklärte. „Wir müssen uns ganz einfach etwas stärker Performance-orientiert aufstellen. Organic, social, PPC, Influencer – Daten. Ich denke, dass Marie mit ihrem Hintergrund hier eine ideale Ergänzung ist. Das nutzt euch beiden: Sie profitiert von deiner langjährigen Erfahrung und du lädst dich mit neuen Technologien noch einmal neu auf. Win-Win, verstehst du?“

Marie hatte ihr bisheriges Leben in der Uni, bei Boston Consulting Digital und beim Sport verbracht. Sie war 29 Jahre alt als sie ihre Karriere im Konzern begann, und trug bevorzugt praktische blaue Hosenanzüge von Hugo oder Mango mit weißen Turnschuhen. Sie war so durchstrukturiert und dataminded als würde sie direkt aus dem Fachbuch „Leadership 4.0“ springen. Ich hatte kurz überlegt, ob es nicht das beste wäre mit ihr eine Affäre anzufangen. Aber ich war damals 48 Jahre alt und benutzte alle zwei Wochen L`Oreal Men Expert Grauhaarabdeckung, um meine weißen Strähnen zu verdecken. Ich hatte mich seit zwei Jahren nicht mehr auf die Waage gestellt und ein ungutes Gefühl für meine eigenen Körper entwickelt. Sie dagegen joggte eisern jeden Morgen exakt 7,5 Kilometer im Englischen Garten und hörte dabei amerikanische Business-Podcasts. Am Abend ging sie an drei von fünf Tagen noch einmal ins Gym oder in die Crossfit-Box um die Ecke. Ihr favorisierter Influencer war ein durchgestylter Hardbody auf Instagram. Und wenn der Tag zu Ende ging, trainierte Marie wahrscheinlich noch ihre geschmeidigen Beckenboden mit einem Womanizer-Dildo aus der neuesten Generation von Amorelie. Das war ganz und gar nicht mein Spiel.

Ich war lange Jahre Alleinherrscher des Marketings gewesen und musste meine Macht nun teilen. Jeden Tag ging ich ins Office und gab mich pragmatisch-professionell. Nachts konnte ich vor aufgestauter Wut kaum mehr schlafen. Ich meine, ich hatte das hier alles aufgebaut – über Jahre. Als ich in grauer Vorzeit bei diesem Unternehmen angefangen hatte, gab es keinen Konzern, keinen Dax, kein Win-Win. Es gab ein trauriges Tech-Dasein in den Tiefen des Münchner Speckgürtels. Erst änderte ich mit kühnem Schwung das verdammte Logo dieses Mittelklasse-Ladens. Ich beerdigte die vorhersehbare Wort-Bild-Marke und setzte künftig auf ein Logo im Stil von Microsoft oder Oracle. Nur Buchstaben – in grau, blau und mit rotem Akzent. Das war der Beginn. Dann jazzten wir die Website hoch und die gesamte Unternehmenskommunikation. „Innovation durch Design“ lautete die neue Kernbotschaft unserer brandneuen Superfirma. Das hat zwar keiner richtig verstanden, aber egal: Es klang schmissig genug für unsere Investoren-Kommunikation. Das Geld floss plötzlich in immer breiter werdenden Strömen in Richtung des Konzernes. Wir wuchsen wie verdammtes Unkraut. Drei Umzüge machte ich mit. Mein Team waren anfangs zwei Leute und am Ende über 30. Wir waren global, sexy, aufregend. Die Antwort von good old Germany auf die Herausforderungen der internationalen Tech-Firmen und Daten-Kraken. Und all das und nun kam Marie und erklärte mir die Welt neu.

Sie übernahm meine Meetings. Sie briefte meine Teams. Sie führte agile Methoden der Mitarbeiterbewertung ein und erledigte das gesamte Budget in drei Tagen. Marie meinte es nicht böse. Sie mochte mich, sagte sie. Es ging ihr nur um den Change-Prozess und darum, sich gegenüber dem Vorstand behaupten zu können. 

„Du bist so der Typ mit dem unheimlichen Track-Record hier,“ sagte sie einmal zu mir, während sie lustlos in ihrem Kichererbsen-Salat von Bite Delight rumstocherte. „Jeder respektiert dich und jeder erwartet, dass ich scheitere. Deswegen muss ich fighten. Das verstehst du doch?“

Klar doch: „Jeder, den Sie kennen, kämpft in einer Schlacht, von der Sie nichts wissen. Sei nett. Immer.“ Wieder so ein Kalenderspruch von LinkedIn. 

Ich vergesse nie den Tag, an dem ich den Kampf über meine Wut verlor. Sie hatte wieder ein Teammeeting angesetzt und redete eine gute halbe Stunde über ihre neue datengestützte Marketingstrategie. „Die Zeit für Alleingänge ist vorbei,“ erklärte sie meinen Team. „Jetzt ordnet sich alles der Strategie unter.“ Und jetzt sah sie mich direkt an und sagte: „Das gilt auch für dich und dein Kreativ-Team. Keine Alleingänge mehr.“ Ich explodierte nicht direkt im Meeting, sondern kurz danach. Ich stürzte in ihr Büro und erklärte ihr den Krieg. Was hat sie schon getan mit diesem datengestützten Kram? Wo bleibt die Kreativität und die Kraft der Marke, die wir geschaffen haben? Und warum spricht sie mit erhobenem Zeigefinger vor dem gesamten Team mit mir? Wo ist das eine Doppelspitze? Wo, Marie, bitte sehr ist hier Win-Win?

Ich verbot meinen engsten Mitarbeitern die Kommunikation mit Marie. Stellte offen ihr Management-Skills in Frage. Forderte sie zum Kampf heraus. Aber sie stritt nicht, sondern eskalierte ganz cool zum Vorstand. Ich war ein Idiot gewesen und genau auf ihre Provokation hineingefallen.

„Es ist Zeit für einen Wandel,“ sagte eine Stimme in meinem Kopf. Ein paar Tage später kontaktierte mich der Headhunter des Start-ups auf LinkedIn. „Wir haben hier eine offene Position, die für Sie interessant sein könnte.” Kleines Marketing Ein-Mal-Eins: Es geht immer um die richtige Zeit und das richtige Angebot.

Jetzt muss ich mich neu beweisen. Es ist alles anders und ich verstehe es nicht. Dieses Start-up hat erkennbaren Master-Plan und auch kein wirkliches Konzept. Alles ist disruptiver Flow. Ständige Diskussionen. Fortwährende Anpassungen der Strategie. Jeder hier scheint von McKinsey zu kommen, hat irgendeinem WHU-Abschluss in Koblenz gemacht oder war in St. Gallen. Es muss im Kern also irgendetwas geben, um das diese geballte Intelligenz hier kreist. Unser Kernprodukt, der Algorithmus, der es basierend auf der „Symbiose von quantitativen Kapitalmarktmodellen und maschinellen Lernen möglich macht Aktienkurse in Echtzeit vorherzusagen“ – dieses Wunderwerk ist jedenfalls noch im Beta-Stadium. Aber immerhin bereiten sich hier jetzt 70 Fachkräfte aus aller Welt darauf künftig die Kraft dieser Wundermaschine zu entfesseln. Erst in Europa, dann global. Die Roadmap des Start-ups endet erst im Jahr 2028 im leichten Abschwingen eines gigantischen Hockeysticks. In diesem Gemenge bin ich der seniore Supertyp, der einst Marketing-Wunderdinge beim Dax-Konzern bewegt hat. 

„Wir brauchen hier Leute wie dich,“ hat Stephan im ersten Vorstellungsgespräch gesagt. „Nur Kids hier – jetzt ist es Zeit für die Schwergewichte der Branche.“ Ähm, na ja.

Für den Call mit Matthei heute habe ich mir einiges vorgenommen. Über das Wochenende habe ich das Buch „Alles richtig machen und trotz­dem schei­tern?“ gelesen und mich mit knappen Weisheiten eingedeckt. Ich finde, dass ich im Call auf die Unlogik von disruptiven Innovationen hinweisen könnte oder den Begriff des inkrementellen Fortschritts einstreuen könnte. Ich bin der stille See mit einem Schatz tiefer Erfahrungen, die langsam wie Luftblasen an die Oberfläche strömen.

Um 20 Minuten nach acht beginne ich nach passenden digitalen Hintergründen für das anstehende Zoom-Meeting mit Matthei zu suchen. Das hippe Loft-Büro in New York, die Graffiti von Banksy. Alles schon mal da gewesen und ziemlicher Standardkram. Also öffne ich Google in einem neuen Tab und suche einfach nach „Zoom Hintergrund Kunst“. Der Kunstpalast Düsseldorf bietet tatsächlich zwei, drei eher semigeile Hintergründe an. Weil die Zeit drängt, entscheide ich mich für ein Visual, dass zwei mit Einsen und Nullen bemalte Hände zeigt. Binär und irgendwie artifiziell, das passt für den Moment. 

Es ist jetzt zwei Minuten vor acht und ich muss langsam wirklich loslegen. Ich wähle den neuen Hintergrund aus und klicke mich in das Zoom-Meeting. Natürlich bin ich der Erste. Wie eigentlich immer. Wenn ich schon keinen Mehrwert bringe, sollen sie immerhin von meiner ungeheuren Präzision im Zeitmanagement beeindruckt sein. Ich schalte die Kamera und den Ton aus und warte zwei Minuten. Stephan kommt ins Meeting.

„Schon da?“ fragt Stephan mit einem gewaltigen ironischen Twist in der Stimme. „Das ist doch sonst gar nicht deine Art.“

Er schaltet sein neues Ringlicht an – willkommen bei den Tagesthemen. Stephan nutzt einen Hintergrund, der die letzte Pressekonferenz von Donald Trump zeigt. Nicht so super-originell. Aber schon ganz ok.

Matthei betritt das Meeting. Erst verbal. Kein Bild.

„Sorry, Jungs. Sorry, aber die fucking Kamera geht nicht an. Fuck, wie ich den Scheiß hasse.“

Er ist jetzt da, will er uns sagen. Und wie zu erwarten war, schaltet sich dann auch die Kamera an. Matthei sitzt an einem weißen Schreibtisch in einem eher spießigen Büro, im Hintergrund ein vollgestelltes Billy-Regal von Ikea.  Stephan macht wahrscheinlich sofort eine Bildschirmaufnahme – CMD+Umschalttaste+4 – in die er später in Ruhe reinzoomen kann, um die Titel der Bücher zu erkennen, die Matthei liest. So Stalker-Kram machen jetzt alle, wenn jemand mal den Fehler macht und etwas Persönliches zeigt.

Jetzt switcht Matthei doch zum digitalen Hintergrund. Er zeigt ein Bild von einem Bodybuilder-Studio aus den Achtzigerjahren. Frauen trainieren in knappen Neon-Jerseys hochambitioniert und mit großen Gewichten. Das Ganze passt so gar nicht zu dem heutigen Thema. Gerade deswegen passt es perfekt.

„Matthei,“ stammele ich etwas hilflos ins Mikro. Was ist denn das für ein Chaos bei dir im Hintergrund.“

„Ach nur so ein Kram eben,“ antwortet Matthei.

„Ok, fangen wir mal an,“ sagt Stephan – jetzt ganz der Boss der Show. „Wir haben ja beim letzten Mal versucht, neue Denkweisen für die Vermarktung des Produkts aufzuzeigen. Disruptive Sachen, die wir nicht auf der Agenda haben. Matthei erhell uns mal.“

„Bin ich der Host?“ fragt unser Consultant.

„Moment,“ antwortet Stephan. „Jetzt!“

„Ok,“ erklärt Matthei und zeigt in schneller Folge eine Präsentation, die eigentlich nur aus Bildern besteht. Es geht die Legende, dass diese Präsentation über 500 Seiten hat und dass er zu jeder Folie eine gute Geschichte erzählen kann. Das ist sein Alleinstellungsmerkmal.

Und Matthei legt los: „Also, ja. Ihr seid jetzt konzeptionell voll auf den B2C-Zug. Consumer kommen auf die Website, informieren sich über euer Angebot. Dann Bounce. Retargeting. Comeback. Subscription. Ok, läuft. Aber habt ihr mal ernsthaft über B2B nachgedacht? So wie Oracle oder SAP? Big Business, Jungs – aber nicht unbedingt erste Reihe. Meine Idee: Ihr vermarket den Algorithmus an institutionelle Anleger – als Whitelabel-Offering.“

„Wie soll das gehen?“ frage ich und weiß sofort, dass das ein Fehler ist. Ich bin schließlich das Marketing-Genie in diesem Call.

„Ok, ihr startet einen ersten Test zur Validierung: Das übliche Programm, nur neue Kanäle. Landingpage mit Schwerpunkt institutionelle Anbieter. Vorteile eures Angebots – Bäm, Bäm, Bäm – nur die Highlights. Nur Muskeln, kein Fett, versteht ihr? Dann legt ihr meinetwegen Linkedin-Promotions drauf. Mit geilem Targeting, verstehst du? Ihr checkt ihr die Performance und entscheidet datengestützt. Lichtgeschwindigkeit, Freunde, so wird das Spiel gespielt!““

„Gute Idee, Matthei“, sagt Stephan. Wahrscheinlich fragt er sich, warum dieser wichtige Impuls nicht von mir kommt.

„Ja, klingt auch für mich cool,“ echoe ich. 

Die Diskussion geht noch etwas hin und her. Im Anschluss beendet Matthei den Präsentationsmode und wir sind wieder sichtbar vor unseren digitalen Hintergründen. 

Um genau 8 Uhr und 59 Minuten verändert sich der Hintergrundscreen von Matthei in eine gewaltige Stoppuhr, die die Sekunden runterzählt. Superbusy, kommt auf jeden Moment an, Time is over. Während seine neue, kunstvolle Endzeit-Animation abläuft, redet das Innovations-Genie völlig ungerührt weiter und verzieht keine Miene. Das ist seine Zauberkunst, dass alles so selbstverständlich und so nahtlos läuft.

„Next steps?“, fragt Matthei.

„Ich muss jetzt los,“, erklärt Stephan. „Orga macht ihr.“

„Der macht mich echt fertig,“ schreibt er mir parallel auf WhatsApp, als er den Call verlässt. Wir würden Matthei wahrscheinlich auch 4.000 Euro Tagessatz zahlen.

„Und was kommt jetzt?“, fragt mich Matthei.

„Ein paar kurze Calls, dann Lunch-Time.“

„Lunchtime, ok… sounds like a plan, man.”

Wahrscheinlich macht bei ihm in seinem Loft ein verdammter Roboter-Hund von Boston Dynamics das Mittagessen aus fermentierten Sojasprossen.

Matthei klickt sich aus dem Zoom-Call. 

Meine Frau ruft mich auf dem Handy an, das ich vorher lautlos geschaltet habe. Ich schaue noch ein oder zwei Minuten in mein hochauflösendes, perfekt ausgeleuchtetes und bestens manipuliertes Gesicht im leeren Zoom-Call und beschließe den Anruf nicht anzunehmen. Es kommen keine guten Nachrichten von meiner Frau in der letzten Zeit. 

Ich stoppe Zoom und klappe das Notebook zu. Nur der Lüfter zirkuliert noch einige Augenblicke, um den Zentralprozessor des MacBooks zu kühlen und meine Gedanken zu zerfressen.

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Full Remote – Short Stories

Jörn Leogrande/2026